Die Füsse habe ich hoch gelegt und so beobachte ich den Sonnenuntergang. Bald werden die beiden Leitsterne des Southern Cross zu sehen sein. Dieses Schauspiel gönne ich mir jeden Abend hier in Alice Springs. Gerade habe ich Abendbrot gegessen, jetzt wird es langsam dunkel. Bevor die Farben ganz verschwinden, werden sie intensiver. Es ist richtig kalt, nur 27 Grad und es ist sehr windig.
Entspannt sehe ich von meinem so herrlich bequemen Liegestuhl einem grünen Papagei zu, der sich wahrscheinlich über meine Dummheit aufregen würde, wüsste er, dass ich Papagei zu ihm sage. Denn natürlich ist es ein Kakadu, der zwischen den kleinen Steinchen nach Samen sucht, die von den schon wieder blühenden Bäumen gefallen sind. Jeden Abend kommt er, meistens in Gesellschaft seiner Familie.
Was denkt sich der Kakadu so, während er hier nach seinem Abendbrot sucht? Sieht er das tiefe Blau am Himmel? Haufenwolken werden auch in dieser Nacht verhindern, dass es einen makellosen Sternenhimmel gibt. Stört das den Kakadu, nimmt er es überhaupt zur Kenntnis? Denkt er darüber nach, was er morgen machen wird und was im nächsten Jahr? Hofft auch er, durch Jesus Christus, Buddha oder Mohammed unsterblich zu werden, oder doch wenigstens Spuren in Alice Springs zu hinterlassen?
Völlig verrückt, höre ich da schon wieder einige sagen! Was sich dieser Mensch schon wieder für merkwürdige Gedanken macht. Dabei sind sie gar nicht so abseitig und abstrus wie es den Anschein hat. Im Gegenteil, in ihnen liegt der Schlüssel für die Beantwortung der entscheidenden Frage: Wer bin ich und was ist das, was ich um mich herum sehe? Ist diese Welt für mich erkennbar?
Die Fragen, die ich dem Kakadu untergeschoben habe, stellt er sich nicht. Mit einer kleinen Einschränkung: Nach unserem heutigen Wissen. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass er sich diese Fragen stellt, aber vielleicht stellt er sie sich doch. Oder er stellt sich andere. Wer will das sicher ausschliessen?
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Wenn die Welt erkennbar wäre, so müssten wir wenigstens eine Chance haben zu ahnen, was der Papagei, der ein Kakadu ist, den ganzen Tag so denkt. Es ist zu einfach nur zu sagen: Der Mensch denkt, die Tiere denken nicht. Heute wissen wir, wie eng Denken und Emotionen miteinander verwoben sind. Die Emotionen dominieren das Verhalten des Menschen. Und keiner kann den Tieren Emotionen absprechen. Ohne Emotionen (die Reaktionen auf die Botschaft der Sensoren) könnten auch sie sich in dieser Welt nicht zielgerichtet bewegen. Wahr ist sicher, dass Tiere nicht wie Menschen denken. Aber denken sie überhaupt nicht, oder nur anders?
Man sieht, wie schnell man mit ganz einfachen Fragen an die Grenzen unseres Wissens stösst. Es ist einfach vermessen, wenn die Marxisten behaupten, irgendwann könnten wir die Welt komplett erkennen und erklären. Viele Fragen können zwar gestellt, aber prinzipiell nicht beantwortet werden. So eine Frage ist die nach dem Sinn des Lebens. Ist es schon eine Antwort zu behaupten, es gibt keinen Sinn des Lebens?
Solche Fragen beschäftigen mich. Gibt es Wichtigeres, als seinen Verstand zu strapazieren? Worüber haben unsere Vorfahren nachgedacht, wenn sie satt und sicher in einer trockenen Höhle am Feuer lagen oder in den Sternenhimmel sahen?
Dieses Buch kann man nicht so nebenbei lesen. Es stellt mehr Fragen, als zu beantworten sind. Ich bin ziemlich sicher, die meisten werden in dem Buch kurz blättern, sich die Bilder ansehen und es dann beiseitelegen: Keine Lust, kein Interesse und keine Zeit, um über dieses seltsame Leben nachzudenken.
Macht nichts.
Das Buch existiert.
Mir reicht das.
Alice Springs, 20. Oktober 1999
Berlin, 18. Oktober 2013 |